Warum Eltern ihr Kind nicht ständig ans Lernen erinnern sollten - Magazin SCHULE
Wundern & Wissen

Warum Sie Ihr Kind nicht so oft ans Lernen erinnern sollten

Ständig glauben wir Eltern unsere Kinder ans Lernen erinnern zu müssen. Dabei ist das möglicherweise sogar schädlich für deren Lernerfolg


„Hast du heute schon Vokabeln gelernt?“ Dieser Satz gehört zum Standard-Repertoire aller Schulkind-Eltern. Ständig muss man diese Faulenzer ans Lernen erinnern, sonst denken die ja nicht daran! Nun, möglicherweise denken sie gerade deswegen nicht daran: Weil sie wissen, dass die Eltern sie ja sowieso erinnern. Das jedenfalls legt eine wissenschaftliche Studie nahe.

Forschende des Frankfurter Leibniz-Instituts für Bildungsforschung und Bildungsinformation (DIPF) haben getestet, ob sich die lästige Erinnerei ans Vokabelnlernen an das Smartphone ausgliedern lässt. Zehn- bis 12-jährige Schülerinnen und Schüler bekamen dafür eine Vokabel-Lernapp aufs Handy, die sie einen guten Monat lang benutzen sollten. Die App registrierte, wie oft die Kinder sie benutzten und wie groß ihr Lernfortschritt war. Einige von ihnen wurden zudem bis zu 16-mal in dem Zeitraum von der App ans Vokabelnlernen erinnert. (Hier geht’s zur Originalpublikation.)

Werden Kinder ans Lernen erinnert, arbeiten sie sogar weniger

Das Ergebnis: Diejenigen Schülerinnen und Schüler, die von ihrem Smartphone in unregelmäßigen Abständen Erinnerungsnachrichten bekamen, lernten sogar seltener Vokabeln als jene, die ohne Erinnerungsstütze auskommen mussten. Sie befassten sich nur an 22 von 36 Tagen mit der App, die anderen hingegen an 26 Tagen. Vor allem gegen Ende des Versuchszeitraums verließ sich die „Reminder“-Gruppe gern auf die Schubs-Nachricht – und unternahm ohne sie nur noch wenig.

Ersetzt man in diesem Versuchsaufbau die Smartphone-Nachricht durch „Mama kommt rein und nervt“, befindet man sich wieder mitten im Familienalltag. Es gilt offensichtlich: Je häufiger man sein Kind als Lernen erinnert, umso seltener macht es sich von selbst an seine Aufgaben. Und je länger es sich daran gewöhnt, dass Mama (oder manchmal Papa) eh noch nervt, umso mehr verlässt es sich darauf.

Wenn das Kind selbstständig werden soll, müssen die Eltern sich zurücknehmen

Für Eltern bedeutet das also: Weniger ist mehr. Wer erreichen möchte, dass sein Kind eigenständig lernt, muss ihm die Verantwortung für den Lernprozess übertragen – und sich selbst zurücknehmen. Ansprechbar sein, aber dem Kind nicht die Arbeit abnehmen: So funktioniert sinnvolle Lernunterstützung. Wie Kinder selbstständig lernen lernen, erklären wir hier.

Aber ist das Risiko nicht groß, dass das Kind ohne Lern-Erinnerungen beim nächsten Vokabeltest blank dasteht? Das kann natürlich sein. Aber ehrlich, ein Vokabeltest entscheidet nicht über den Bildungsweg. Und eine schlechte Note kann auch ein mal wichtiger Weckruf sein. Im Frankfurter Experiment haben die Forschenden jedenfalls auch die Vokabel-Lernleistungen verglichen. Das Ergebnis: Ob mit oder ohne Erinnerungen, die Kinder schnitten im Test weitgehend gleich ab.

„Warum Sie Ihr Kind nicht so oft ans Lernen erinnern sollten“ – Foto: freepik

 

 



Unsere Themen im Überblick

Kommentieren