Thüringen mit Kindern? Weimar gar? Ach nein. „Das ist doch was für alte Leute.“ Diesen Satz hat Anselm Graubner oft gehört, als er vor drei Jahren bei Banken anklopfte, um seine Idee zu finanzieren: ein Familienhotel in Weimar, gleich neben dem Goethe-Haus. Doch Graubner war sich sicher, dass die Skeptiker falsch liegen: „Weimar ist ein großartiges Ziel für Familien“, schwärmt er. „Aus der Kultur macht hier keiner eine schwermütige Nummer, sondern man kann sie wunderbar spielerisch entdecken.“ Mit Rallyes, Schatzsuchen und kleinen Entdeckertouren auf den Spuren von Goethe, Schiller & Co. durch die Parks, Bauten und Straßen der Stadt. Graubner: „Gerade Kinder sagen mir oft überrascht: ,Boah, das war jetzt aber spannend.‘“ Und da ist ja auch noch die wunderschöne Umgebung, ideal für Radtouren, Picknicks und Wanderungen durch die sanfte Hügellandschaft um die Klassiker-Städte Weimar, Erfurt, Jena und Eisenach.
Kulturland Thüringen. Es gibt wohl kaum eine Region in Deutschland, in der sich Höhepunkte deutscher Kunst, Kultur und Geschichte so dicht aneinanderreihen wie auf der Klassiker-Route durch die Mitte Thüringens entlang der A4. Sie führt vorbei an der Wissenschaftsstadt Jena im Osten, über die Wiege der deutschen Klassik in Weimar, das mittelalterliche Erfurt mit der berühmten Krämerbrücke, vorbei an Thüringens ältester Siedlung Arnstadt, der Residenzstadt Gotha, Gründungsort der deutschen Arbeiterparteien, bis nach Eisenach im Westen, wo einst Johann Sebastian Bach lebte und Luther in der Wartburg die Bibel übersetzte.
In diesen Städten haben Goethe und Schiller, Herder, Schlegel und Jean Paul gedichtet, haben Bach und Franz Liszt komponiert, hat Luther für eine Erneuerung der Kirche gekämpft, Walter Gropius das Bauhaus gegründet, Napoleon in der großen Schlacht von Jena und Auerstedt die Preußen und Sachsen besiegt. So unfassbar satt an kulturellen Höhepunkten ist die Region, dass man erschlagen sein könnte, wäre da nicht die Lockerheit der Einheimischen und die weite, wunderschöne Landschaft. Weinberge, üppige Täler und Wälder im Osten, fruchtbare Auen, durchzogen von Flussläufen im Westen.




Thüringen mit Kindern: Ja! Gerade für Familien lohnt die Entdeckungsreise. Sie können mit Picknickkorb und Karte die Goethe-Wanderwege entlangspazieren oder die Thüringer 3-Türme-Tour im Süden Weimars machen. Sie können durch den Märchenwald Wünschendorf mit seinen 16 wasserkraftbetriebenen Märchenspielen streifen oder die Feenwelten im Abenteuerwald Saalfeld erkunden. In allen berühmten Städten der Region gibt es familiengerechte Angebote jenseits verstaubter Museumsschwere. Themenradtouren, Audiowalks, Kinderstadtführungen in Mönchskutte, Taschenlampenspaziergänge oder Hexenführungen wie in Erfurt.
Seit Jahren tüftelt Folker Metzger mit seinem Team von der Weimarer Klassikstiftung daran, seine Kulturstadt für Familien spannend zu machen. Klassik zum Anfassen, lebensnah und verständlich, als abwechslungsreicher Familienausflug zwischen Kultur und Natur. „Wir wollen, dass sich Familien gemeinsam auf Zeitreise begeben.“ Im Goethe-Haus erfahren sie, wie die Menschen damals gelebt haben. Dass sie etwa in kurzen Betten im Sitzen schliefen, aus Angst, am nächsten Tag nicht mehr hochzukommen. Im Schillerhaus kann man selbst Schattenrisse herstellen, mit Federkiel und Tinte experimentieren, Goethe-Gedichte an einer Magnettafel umdichten, zwischendurch im Park vor Goethes Gartenhaus picknicken und im Sprudelbecken plantschen, in dem einst des Dichters Wäsche gewaschen wurde. Mit kleinen Rucksäcken voller Entdeckungsmaterialien geht es auf Schatzsuche durchs Schloss oder auf Erkundung in die Parkhöhle, dem ehemaligen Bierkeller von Herzog Karl August, in dem Schiller und Goethe Gesteine erforschten.
Bei schlechtem Wetter können Familien der Unterwassermusik in der Toskana-Therme Bad Sulza lauschen, in Altenburg durchs Grusellabyrinth schleichen oder das Zeiss-Planetarium in Jena besuchen. Lohnenswert ist auch ein Ausflug zur Barbarossa-Höhle im Kyffhäuser-Gebirge, mit ihren unterirdischen Seen und Anhydritformationen. Sportliche besteigen die 247 Stufen zur Kuppel des Kyffhäuser-Denkmals. Von dort hat man einen wunderbaren Blick. Bei schönem Wetter sieht man den Brocken im Harz im Nordwesten, die Goldene Aue im Norden und den Thüringer Wald im Süden. Wer mehr über König Rotbart erfahren möchte, kann ins zugehörige Burgmuseum gehen, das sich mit der Barbarossa-Sage beschäftigt.
Auch die Erkundung der bodenständigen Freuden Thüringens lohnt: zum Beispiel ein Besuch im Bratwurst-Museum in Holzhausen im Ilm-Kreis. Dort erfahren die Besucher alles über die Thüringer Wurst und ihre Geschichte: vom Fleischwolf über die Wurstspritze bis zu Grillfeier und
Bratwursttheater. Übrigens: Auch Goethe liebte Würste, Nürnberger Würste zwar! Die ließ er sich nach Weimar schicken.
Wer es mag, kann das zweite Nationalgericht der Thüringer erforschen: Klöße! Halb aus rohen, halb aus gekochten Kartoffeln und mit einem Semmelbröselkern in der Mitte, gehört er sonntags auf den Tisch wie der knusprige Braten. Dass der Kloß wahrhaftig in Thüringen erfunden wurde, dokumentiert 1808 das erste Kloßrezept der Republik. In der „Thüringer Kloß-Welt“ des Kloß-Fabrikanten Albich in Heichelheim bei Weimar ist es ausgestellt. Und nicht nur das: Im begehbaren Riesenkloß erzählt ein Film alles über Geschichte und Herstellung, die vielen Exponate der Ausstellung rund um Kartoffelanbau, Kloß-Pressen und Kloß-Säckchen verraten, wie ein Kloß daheim gemacht wurde. Für Kleinere gibt es eine Kloß-Kugelbahn, für Größere Kloß-Kochkurse und viele schräge Rätselfragen: „Kannte Goethe Klöße?“ Na klar.