Schon im Juli weiß ich es, trotzdem: Die große Adventskalenderbastelei beginnt bei uns immer sehr pünktlich, nämlich kurz vor knapp. Am 30. November sitzen mein Mann und ich – sobald die Kinder schlafen – vor Bergen von Süßigkeiten- und Kleinkramgedöns und verpacken 72 Weihnachtsbeutel. Drei Kinder, drei Adventskalender: Das ist Fließbandarbeit. Einer packt, einer schneidet Bändchen, einer verknotet, einer hängt auf – das System funktioniert wortlos. Die bunten Adventskalenderwäscheleinen, die am Ende im Hausflur hängen, sind nicht nur der erste Haken auf der To-do-Liste, sondern auch mahnender Countdown für den Stress in der Vorweihnachtszeit. Achtung, nur noch 24 Tage!
In meinem Kopf läutet eine Glocke – ich fühle mich wie ein Boxer vor dem Kampf. Jetzt heißt es: Ärmel hochkrempeln, Pläne machen, effektiv sein, denn es gibt viel zu tun. Weihnachten ist schließlich keine Kleinigkeit. Schon ganze Familien sind daran zerbrochen. Ostern ist dagegen ein Klacks. Eier verstecken, pff. Das kann ja jeder.
Studien zeigen: Vielen ist die Vorweihnachtszeit zu stressig
Die Vorweihnachtszeit ist so eine Sache für sich. Auf der einen Seite ist sie wunderschön, denn sie weckt Kindheitserinnerungen und den Wunsch, wieder näher zusammenzurücken. Andererseits macht sie das Leben aber auch ganz schön turbulent. Studien zeigen: Viele Menschen empfinden die Adventszeit als stressig, fühlen sich unter Druck gesetzt und durch die Vorbereitungen gehetzt. Wie ein süß-klebriger Zuckerguss legen sich die Erwartungshaltungen über den Familienalltag. Alles MUSS jetzt schön sein, besinnlich, duftend, liebevoll, feierlich!
Von allen Seiten bekommen wir über Instagram und Pinterest Deko-Ideen oder Rezepte für glutenfreie Kekse. Auf den Häuserdächern überbieten sich die Lichtinstallationen. Wir hören wieder „Last Christmas“, wühlen die Bastelscheren aus den Tiefen der Schubladen und kommen auf so seltsame Ideen, wie den Abstellraum oder die Garage aufzuräumen. Ist ja schließlich bald Weihnachten. Da soll es gut aussehen zu Hause! Dazu flattern die Einladungen ins Haus: Weihnachtsfeier in der Firma, im Sportverein, im Kindergarten, in der Schule. Freunde wollen noch mal vorbeikommen, „bevor die Feiertage anstehen“, und die Nachbarn fänden es schön, wenn sich alle noch mal auf einen Glühwein treffen. Den Familienkalender für die Adventswochen zu koordinieren erreicht Minijob-Volumen.
Das Hauptproblem des vorweihnachtlichen Trubels: Er findet leider parallel zum üblichen Alltagsstress statt. Unsere Arbeitgeber oder Schulleitungen interessiert es nämlich herzlich wenig, dass wir jetzt 24 Tage familieninternen Weihnachtswahnsinn pflegen, basteln, dekorieren und backen wollen. Wir müssen eben trotzdem noch arbeiten, zur Schule gehen, den Haushalt machen und pünktlich beim Klavierunterricht oder Fußballtraining sein. Die Vorweihnachtszeit wird damit schnell zum organisatorischen Overkill. Bis zum ersten oder zweiten Advent kommen wir meistens noch ganz gut klar – wir freuen uns auf die schöne Zeit, sind motiviert und voller Tatendrang. Doch wenn die Einkaufslisten nicht spürbar kürzer werden und die Fluchtinstinkte in den überfüllten Innenstädten nur noch mit schlechtem Glühwein vertrieben werden können, zeigt sich der erste Vorweihnachtsfrust. Ach herrje, es gibt noch so viel zu tun. Wie sollen wir das schaffen?
Unsere Ansprüche werden immer größer
Hinzu kommt eine diffuse Anspruchshaltung, die knebelt. Vorbei die Zeiten, in denen man sich abends bei einem Glas Wein die Geschenkeflut im Internet einfach zusammenklicken konnte. Heute stehen Väter stundenlang in der Garage und basteln filigranes Holzspielzeug für den Nachwuchs. Für die Verwandtschaft wird Likör angesetzt und Marmelade eingekocht. Selbstgenähtes steht hoch im Kurs – kein vorweihnachtliches Müttertreffen mehr, an dem nicht die neuesten Pattydoo-Schnittmuster hin- und hergereicht werden: „Hier ist ’ne tolle Mütze! Hab ich auch für meine sieben Nichten und Neffen genäht. Geht auch ganz schnell!“
Wer in ist, verschenkt eben „Handcrafted“, mit Liebe gestrickt, geflickt, geklebt, gesägt. Das ist zweifelsohne ein wunderbares Zeichen gegen blinden Konsum, doch ich muss mich outen: Bei mir geht das nicht „schnell“, ich brauche dafür Zeit. Viel Zeit! Und am Ende wird doch nur alles auf den letzten Drücker gemacht, was in der Vorweihnachtszeit dann ungefähr so viel Stress erzeugt wie eine Pistole an der Schläfe. Ich erinnere mich mit Entsetzen an ein völlig übermüdet zusammengenähtes Herzkissen für meinen Vater, das ich am Heiligen Abend fast mit einem lauten Stöhnen übergeben hätte: „Hier isser, mein Sargnagel von letzter Nacht!“.
Halleluja! Und das, wo wir uns alle so nach Harmonie sehnen. Es ist eine Krux: Wenn der Baum dann endlich leuchtet, das Essen in der Küche brutzelt, liegen die Nerven schon längst blank. Kleinigkeiten können jetzt reichen, um Familienstreitereien vom Zaun zu brechen. Du hast keine Zitronen eingekauft? Der Baum ist krumm? Tante Irmela hat keine Weihnachtskarte bekommen? Alarm in Tüten. Durchdrehmomente. Und still und heimlich der leise Gedanke: Ist es endlich bald vorbei?
Wir haben ein überzogenes Bild von der Weihnachtszeit
Mal ehrlich: Das ist schon ziemlich verrückt. „Viele Menschen hetzen einem völlig überzogenen Bild von Weihnachten hinterher“, bringt es Anja Hume, Mental-Trainerin aus Düsseldorf, auf den Punkt. Die Expertin gibt dafür auch der Dauerberieselung durch mediale Bilder im TV, in Magazinen oder auf Werbeplakaten die Schuld. Familien mit Modelmaßen, die lachend an wundervoll gedeckten Tischen sitzen. Entenbraten mit perfekter Kruste, in den gefüllten Weingläsern spiegelt sich das Kerzenlicht. Mit Holzeisenbahnen spielende Jungs in weißen Hemden, Mädchen in Samtkleidern, die Flöte für den grau melierten Opa spielen, dessen Nickelbrille niedlich auf der Nasenspitze sitzt. Dazu: Berge von glitzernden Geschenken unterm perfekt ausgeleuchteten Weihnachtsbaum. O du fröhliche Photoshopwelt!
„Wer diese perfekte Inszenierung ins heimische Wohnzimmer holen will, macht sich Weihnachten zur Pflichtaufgabe. Harmonie und Zufriedenheit entstehen aber nicht auf Knopfdruck“, sagt Hume. Im Gegenteil: Je krampfhafter wir danach streben, alles perfekt werden zu lassen, desto weniger sind wir in der Lage, den Augenblick zu genießen. Die schönsten Momente entstehen eben immer dann, wenn wir am wenigsten damit rechnen. „Deshalb ist es so wertvoll, von äußeren Anforderungen auch mal Abstand zu nehmen“, sagt Hume und rät zur Devise: nicht alles müssen müssen. „Schauen Sie genau, was Ihnen und Ihrer Familie wirklich wichtig ist und wie Sie die Vorweihnachtszeit und das Weihnachtsfest bewusst nach Ihren Bedürfnissen gestalten.“
Weihnachtsentrümpelung! Das klingt gut, da will ich unbedingt mitmachen. Aber erst mal müssen jetzt die Adventskalender aufgehängt werden, und dann ist ja auch bald schon Nikolaus. Vielleicht passt es nach dem ersten Advent oder nach dem Basteln in der Grundschule. Spätestens nach dem Keksebacknachmittag mit meinen Freundinnen sollte ich Zeit haben, den Terminkalender zu kürzen. Ich schau mal, was sich machen lässt …
Schluss mit dem Stress in der Vorweihnachtszeit! – Illustration: Alexander Aczél