Die Einschulung. Irgendwann trifft es jede Familie, und alle gehen unterschiedlich damit um. Die einen machen sich Gedanken, ob das Kind wirklich schon reif genug für die Schule ist. Andere machen sich schon vor der Einschulung ziemlich viel Druck, was den Notenspiegel betrifft. Die nächsten hoffen auf eine „starke“ Klasse und eine kompetente Klassenlehrerin. Und inmitten all dieser Fragen, der zwiespältigen Gefühle, der Angst vor der Einschulung und der Vorfreude darauf steht dieser höchst dramatische Satz im Raum: „Jetzt beginnt der Ernst des Lebens.“
Dieser Satz ist ein Angstmacher par exellence
Ganz so, als wäre die Kindheit von heute auf morgen plötzlich vorbei. Ein Angstmacher par excellence. Heraufbeschworen durch Eltern, die bereits Schulkinder haben und immer wieder darauf hinweisen, wie die ganze Familie unter den Massen an Hausaufgaben, der Fülle an schwierigen Proben und der Prüfungsangst leide. Wie desillusionierend!
Aufregung und Rührung: Ja! Angst vor der Einschulung? Nein!
Zeit für ein Hobby? Pustekuchen! Am Nachmittag Freunde treffen? Eher selten! Stattdessen herrsche ab jetzt der unermüdliche Kampf zwischen ständiger Pflichterfüllung gegenüber der Schule und großem Unwillen seitens des Kindes. Na bravo! Wahrlich keine schönen Aussichten für die bevorstehende Einschulung unseres Sohnes Moritz, dachten wir damals. Aber wir blieben zuversichtlich.
Dann wurde er eingeschult. Aufregung und Rührung machten sich breit. Von Angst keine Spur. Es war ein tolles Gefühl, ihn in einen neuen Abschnitt zu begleiten, es ihm zuzugestehen, dass er nun auch endlich zu den Großen gehört. Letzteres war für unser Kind das Wichtigste.
Heute kann ich sagen: Nichts von dem, was uns im Vorfeld prophezeit wurde, traf ein. Weder in der ersten noch in der zweiten Klasse gab es Stress wegen Hausaufgaben, bevorstehender Tests oder Leistungsdruck. Darüber sind wir sehr dankbar. Dafür mussten wir aber in den ersten Wochen nach der Einschulung vor allem mit einem Aspekt umgehen lernen, den wir so nicht erwartet hatten.
Plötzlich war unser Sohn ein Pimpf, der keine Ahnung hat
Im Kindergarten zählte unser Sohn zu den Großen, zu den Wackelzähnen. So fühlte er sich, und so verließ er auch den Kindergarten: als Schulkind. Was er faktisch ja auch war. Angekommen in der neuen Umgebung, noch voller Zuversicht und großer Freude, wurde Moritz sofort von den älteren Kindern zum „Ersti“ (Erstklässler) herabgestuft. Ein Pimpf, der sowieso keine Ahnung hat. Die Art und Weise, wie Dritt- und Viertklässler mit den Neuankömmlingen umgingen, war auch für uns ein Schock. Nicht selten flogen einem Sätze entgegen wie „Ich polier dir heute noch die Fresse, du Ersti.“ Oder: „Guck dir mal die Kleinen an. Die machen sich gleich ins Höschen.“
Auf dem Pausenhof herrscht ein klares Gesetz: Wie du mir, so ich dir
Für unseren Sohn bedeutete das, sich permanent gegen die Größeren zu behaupten, hin und wieder nicht hinzuhören, die anderen zu ignorieren und sich nicht provozieren zu lassen. Gar nicht so einfach, wenn ein Kind zu Hause wie auch im Kindergarten lernt, dem anderen durch Zuhören eine Wertschätzung zu vermitteln und dass Beschimpfen an sich kein zielführender Umgangston ist.
Was uns in dieser Zeit geholfen hat? Gespräche, Gespräche, Gespräche.
Auf dem Pausenhof herrschte aber ein klares Gesetz: wie du mir, so ich dir. Das betraf auch Prügeleien. Was sagt man also seinem Kind, wenn es, trotz vehementer verbaler Gegenwehr, getreten oder geschlagen wird? Schlag zurück?
Diese ersten Wochen waren anstrengend und ermüdend. Für Moritz, weil er sich der sozialen Aspekte nicht entziehen konnte. Für uns, weil unser sonst sehr ausgeglichenes Kind plötzlich heftige Reaktionen zeigte. Oft hatte man das Gefühl, es wäre stets und immer „kampfbereit“, die Zündschnur extrem kurz. Verständlich, wenn man täglich eins auf den Deckel bekommt.
Was uns in dieser Zeit geholfen hat? Gespräche, Gespräche, Gespräche. Nicht die Art von Unterhaltung, bei der man ohne Punkt und Komma auf sein Kind einredet, es zum korrekten Verhalten ermahnt. Es waren stille Momente, meist abends im Bett, in denen unser Sohn ganz von selbst rausließ, was ihn bewegte. Etwa die Frage, wie er mit dem Gesetz Groß gegen Klein umgehen soll. Ängste, an denen er uns teilhaben ließ. Zum Glück waren es nur ein paar heftige Wochen. Denn dann war die Klassengemeinschaft – auch dank des Einwirkens der Lehrerin – so stark, dass die Großen an den Erstis kein Interesse mehr hatten.
Als Eltern mussten wir lernen zu akzeptieren, dass unser Kind nun nicht mehr behütet ist, wie einst im Kindergarten, und auch heftige Konflikte meist allein lösen muss. Nicht weil da niemand ist, der helfen könnte, sondern weil Kinder ihre ganz eigenen Regeln der Konfliktlösung aufstellen. Sie wollen nicht als Petze, Angsthase oder Weichei beschimpft werden. Sie möchten es selbst klären, und das ist auch gut so.
Keine Angst vor der Einschulung! – Magazin SCHULE – Foto: pvproductions/freepik