Manchmal kann Thomas Waibel sein Glück selbst nicht fassen. Im Frühjahr, wenn auf den hohen Bergen noch Schnee liegt, schnappt er sich morgens die Ski und zieht auf die Piste. Nachmittags streift er den Neoprenanzug an und steigt in wasserdurchspülte Schluchten im Tal: Canyoning. Oder er schwingt sich aufs Fahrrad, für eine Tour über die weichen Hügel des Alpenvorlands, vorbei an Seen und grünen Kuhwiesen. Alles an einem Tag. Oben ist noch Winter, unten schon Frühling. Waibel: „Wo sonst in Deutschland gibt es das, außer bei uns im Oberallgäu?“
Segeln auf den Alpseen, Klettern in den Bergen, Radeln über die Wiesen: All das gehörte zur Kindheit von Thomas Waibel, der hier aufgewachsen ist. „Alles ist unheimlich nah beieinander“, sagt er. „Für jedes Alter, für jeden Geschmack und für jedes Sportniveau hat das Allgäu etwas zu bieten, gerade hier im Süden.“ Waibel liebt die Region, und er liebt Action. Aus beidem hat er einen Beruf gemacht.
Als Chef der Outdoor-Firma Purelements führt der 32-Jährige Besucher zu den Aktivitäts-Highlights des Oberallgäus. Zum Beispiel zum Canyoning im Ostertaltobel, gut geeignet für Familien mit Kindern ab sechs Jahren. In Neoprenanzüge gehüllt und mit Seilen gesichert, kraxeln Eltern und Kinder durch die Schlucht, rutschen durch ausgewaschene Feldrinnen, klettern durch Wasserfälle. Selbst bei Regen macht das Spaß.
Oder er führt sie zu den Höhlen auf dem Gottesackerplateau an der Grenze zu Österreich. Dann geht es im Overall, mit Stirnlampe und Helm in die Tiefe des Berges, zu unterirdischen Wasserfällen und durch enge Gänge. Besonders beliebt ist bei Familien mit Grundschulkids derzeit Geocaching mit GPS. Die Wanderung wird zur Abenteuertour. Wer findet das nächste Zeichen, wer löst die kniffeligen Aufgaben, die uns zu den nächsten Koordinaten und so ans Ziel führen? Waibel: „Man kann sogar leichte Kletterpartien, eine kurze Canyoning-Strecke oder Schwimmen im See in die Geocaching-Tour einbinden.“ Die Vielfalt des Allgäus macht’s möglich.
Der kleine Landschaftszipfel am Südende der Republik gehört zu den schönsten Urlaubsregionen Deutschlands. Gut 560 000 Einwohner hat das Gebiet, das sich über den äußersten Südwestteil Baden-Württembergs durch den bayerischen Regierungsbezirk Oberschwaben bis zum Fluss Lech im Osten erstreckt. Im Norden reicht es bis kurz hinter Memmingen, im Süden bis zum Hauptkamm der Allgäuer Alpen. Nur wenige Regionen Deutschlands haben so viel zu bieten.





Das Oberallgäu, von der alten Römerstadt Kempten bis nach Sonthofen und Oberstdorf, ist ein fantastischer Mix aus weiten Ebenen und hochalpinen Bergketten. Wie ein Logenplatz liegt die sanfte Hügellandschaft auf 800 Metern Höhe und eröffnet einen herrlichen Blick auf das Gebirge. Die gut 40 Seen sind ideal für Wassersport oder lange Badetage, die flache Landschaft mit ihren blühenden Blumenwiesen ist perfekt für Radtouren mit Kindern.
Auf vielen Bauernhöfen kann man den Landwirten bei der Arbeit zusehen, zum Beispiel bei der Herstellung des Emmentalers. Für die Kleineren gibt es Ponyhöfe, Kamelreiten und Wildfütterungen, für die Größeren Rafting und Kanutouren, Klettern und sogar Tandemfliegen. Die Profis von Flyzone in Oberstdorf nehmen Kinder schon ab 25 Kilo auf ihren Gleitschirmflug am Nebelhorn mit. Bei schlechtem Wetter bieten Freizeitparks und die vielen Spaßbäder der Region Abwechslung. Bei gutem Wetter heißt es natürlich auch mal: rauf auf die Berge, für Bequeme mit einem der 120 Lifts im Südallgäu.
Zum Beispiel zu Jochen Krupinski. In der Mindelheimer Hütte auf 2058 Metern am Kemptner Kopf begrüßt der dienstälteste Hüttenwirt des Alpenvereins im Oberallgäu seine Gäste. Seit 41 Jahren macht der 64-Jährige gemeinsam mit seiner Frau Centa den Job. Sommer für Sommer, 130 Tage lang. Er ist längst eine kleine Berühmtheit in der Region, 2009 wurde sogar ein Dokumentarfilm über ihn gedreht: „Der Mann und der Berg“. Krupinski liebt seine Arbeit, auch wenn es ihm in den letzten Jahren etwas viel geworden ist. „Doch hier oben sind die Gäste anders als unten im Tal“, sagt Krupinski, der den Rest des Jahres in der Nähe von Kempten Ferienwohnungen vermietet. „Hungriger und offener.“ Wer drei Stunden gewandert ist, freut sich doppelt, wenn Krupinski etwas Leckeres auf den Tisch stellt. Familien sind ihm besonders willkommen.
Einen Genuss anderer Art bietet Simon Nuschele mit seinem außergewöhnlichen Dorf Seeg. Nuschele erinnert sich noch genau, wie der Tourismusverein auf ihn zukam, als vor drei Jahren die A7 durchgebaut wurde, schnurstracks an Seeg vorbei. „Jetzt kommt doch niemand mehr zu uns. Können wir die Gäste nicht mit lokalem Honig locken?“ Bienen sind weltweit bedroht. Seeg aber ist ein Paradies für sie, fast kein Ackerbau, nur Wiesen voller Blüten, jede Menge Nahrung für Bienenvölker. Nuschele, Vorstand der Imker von Seeg und Herr über 50 Bienenvölker, setzte sich mit seinen Kollegen zusammen. „Honig verkaufen reicht nicht. Unsere Gäste müssen die Bienen und die Imkerei live erleben.“
Seit Mitte 2013 ist das „Honigdorf Seeg“ fertig. Im Bienenhaus können Familien eintauchen in die Welt der Brummer. Geschützt durch eine Glaswand, begeben sie sich selbst in einen Bienenstock, zum „begehbaren Bienenvolk“ und schauen den Tieren bei der Arbeit zu. Die Imker holen Waben aus den Völkern, Kinder dürfen den Honig mit der Schleudermaschine herausschleudern und in Gläser abfüllen. Sie können zuschauen, wie Bienenwachs eingeschmolzen und zu Kerzen verarbeitet wird, erfahren, wie Imker die Bienen pflegen und zu frischen Blütenwiesen fahren.
Ein Erlebnispfad rund ums Dorf führt auf zwölf Stationen spielerisch in die Welt der Bienen. Bist du – umgerechnet auf das Körpergewicht – genauso stark wie eine Biene? Wer 20 Kilo wiegt, muss dafür an der Station ein Gewicht von sechs Kilo stemmen können. Und wie vermehren sich Äpfel mit und ohne Bienen? Am Bestäubungsgerät kann es der Nachwuchs selbst ausprobieren.
„Bienen sind ungeheuer leistungsfähige Tiere“, sagt Simon Nuschele. „Wer live in ihre Welt tritt, den lässt diese Faszination oft nicht mehr los.“ 3000 Besucher sind seit dem Start des Honigdorfs gekommen. Als Erinnerung gibt es Honig-Leckereien: Honigsalami, Honigbrot, Honigwein, Spezialitäten mit einem Schuss Lokalkolorit. Mit Honig von Bienen aus dem südlichen Allgäu. Garantiert.