Im Film „Jack“ machen sich ein Zehnjähriger und sein kleiner Bruder in Berlin auf die Suche nach ihrer Mutter, die einfach abgetaucht ist. Die Kinder irren nachts in der Großstadt umher, keiner übernimmt Verantwortung. Ein realistischer Film?
„Jack“ ist ein äußerst gelungenes Soziogramm einer Familie, die zerrissen wird von der überbordenden Liebe der Mutter einerseits und ihrer Nichtzuverlässigkeit im Alltag andererseits. Sehr bewegend, finde ich. Ich kenne ähnliche Fälle tatsächlich aus meiner Arbeit. Realistisch ist zum Beispiel, dass Jack im Film seine Mutter nicht ein einziges Mal hinhängt, sondern ihren Ruf schützt. So behauptet er beispielsweise, seine Mutter sei zu Hause und kümmere sich um ihn und den Bruder, obwohl das nicht stimmt. Selbst Kinder, die misshandelt werden, halten loyal zu ihren Eltern.
Erstaunlich, oder?
Nein, ganz und gar nicht. Kinder sind abhängig von ihren Eltern und darauf angewiesen, diesen Menschen Vertrauen entgegenbringen zu können. Egal, ob sie von ihnen gut oder schlecht behandelt werden – für Kinder sind Mütter und Väter die wichtigsten Bezugspersonen. Ich habe immer wieder Fälle erlebt, wo Kinder aus Heimen ausgebüxt und heimgelaufen sind, obwohl sie dort alles andere als gut geborgen waren.
Welche Ursachen hat es, wenn eine Familie ins Schlingern gerät?
Ich pauschalisiere ungern, letzten Endes aber geht es immer um eine lebenspraktische Überforderung der Eltern. Die Mutter im Film ist jung, etwas überdreht, alleinerziehend. Sie ist durchaus liebevoll. Aber sie bekommt es einfach nicht hin, sich um ihre Kinder zu kümmern.
Ist Vernachlässigung eine Frage des Milieus?
Klares Nein. Kinder können ein tolles Zimmer und jederzeit Zugang zum besten Essen haben, und trotzdem ist nie jemand daheim. Wenn Kinder im Winter mit kurzen Hosen herumlaufen oder ständig mit blauen Flecken zum Sportunterricht kommen, fällt das irgendwann auf. Wohlstandsverwahrlosung dagegen ist nicht so leicht zu erkennen. Solche Fälle werden auch kaum angezeigt. Die kriegen wir in der Regel später auf den Tisch. Im Zusammenhang mit Drogenmissbrauch etwa.
Jede Form des Übergriffs, der Vernachlässigung oder Verletzung erschüttert die kindliche SeeleRainer Schwarz, Jugendamtsleiter
Das bedeutet, dass Vernachlässigung in jedweder Form Wunden und Spuren bei den Kindern hinterlässt?
Sicher ist dies so. Zwar sind Kinder in der Lage, auch schwierige Lebenssituationen zu bewältigen, immer aber brauchen sie ihre Eltern und andere Erwachsene als verlässliche und vertrauenswürdige Partner an ihrer Seite. Jede Form des Übergriffs, der Vernachlässigung oder Verletzung stört dieses Grundvertrauen und erschüttert die kindliche Seele. Manchmal reicht es aus, dabei zu sein, wenn Eltern gegeneinander gewalttätig werden, manchmal ist es eine immerwährende herabsetzende Behandlung oder nur das Mit-allem-alleingelassen-Sein.
Circa 65 000 Kinder und Jugendliche leben hierzulande in Heimen, einer betreuten Wohnung oder betreuten Wohngruppen. Was ist das erklärte Ziel der beteiligten Betreuer und Therapeuten?
Die Kinder sollen mit pädagogischen und therapeutischen Angeboten in ihrer Entwicklung gefördert werden. Außerdem zielen alle Maßnahmen darauf ab, dass das alte System wiederhergestellt wird, Eltern und Kinder also wieder zusammenleben können. Wenn Probleme in der Erziehung auftauchen, ist Heimerziehung übrigens nur das letzte Mittel. Oft reichen Erziehungsberatung, sozialpädagogische Interventionen. Manchmal hilft es bereits, wenn der Familie jemand eine Zeit lang in Haushaltsdingen zur Hand geht.
Wohin wenden sich Kinder und Jugendliche in Not am besten?
Eine erste Anlaufstelle ist beispielsweise die bundesweite „Nummer gegen Kummer“ (11 61 11). Darüber hinaus hat jedes Jugendamt Beratungsangebote für Kinder, Jugendliche und Eltern. Wir können nur aktiv werden, wenn wir um Hilfe gebeten oder auf Gefährdungen aufmerksam werden. Wird uns ein Verdachtsfall gemeldet, das geht übrigens auch anonym, sind wir verpflichtet, dem nachzugehen. Wenn wir dann die betroffenen Familien ansprechen, ist die Abwehrhaltung der Eltern zunächst in der Regel sehr groß. Wird den Müttern und Vätern aber klar, dass es hier nicht um Vorwürfe geht, sondern allein um den Schutz des Kindes, kooperieren sie.
Der Film „Jack“ wird in zahlreichen Schulen zu sehen sein. Ist das gut so?
Ich finde schon. Der Film wird ja konsequent aus Jacks Perspektive erzählt, das Geschehen können Kinder also emotional nachvollziehen. Nach dem Schauen des Films braucht es aber das Gespräch darüber. Diskussionsstoff bietet der Film ja reichlich. Man könnte zum Beispiel darüber reden, warum die Kinder im Heim alles andere als freundlich zu Jack sind. Sie sitzen alle im selben Boot und machen dem Neuen das Leben doch schwer. Muss das so sein? Die Antworten der Kinder würde ich sehr gern hören.
Fotos: Joachim Gern, Jens Harant